WIRTSCHAFT & HANDEL

06.08.2013

Ein Liebchen zwischen Pathos und Salus

Gunther Gerhard Liebchen. Ein Name, der, hörte man ihn einfach so, recht handzahm klingt. In einer Abendschule holte er das Abitur nach, arbeitete im Krankenhaus und in der Apotheke. Nach dem Medizinstudium, das durch Liebchens Engagement im Zuge des Prager Frühlings zwischenzeitlich pausieren musste, promovierte er über die Wirkung bestimmter intravenöser Narkotika. Der Schlaf hat in Liebchens Dasein eine spezielle Bedeutung. Allerdings nicht der, den man auf Kissen gebettet zur Erholung auf sich nimmt, sondern jener, aus dem man nie wieder erwacht. Eigentlich. Liebchen hat eine eigene Form der Erweckung gefunden. Die zeigt er der ganzen Welt. Immer wieder, immer noch. Und man weiß nicht so recht, ob man in ihm das Patho- oder eher das Salutogenie sehen soll.

Von Frances Heinrich

Ein Mann mit Vogel auf der Schulter und Händen am Steuerrad. Eine Augenklappe. Vermutlich ein Pirat. Eine Frau auf einer Schaukel. Liebchen steht daneben und schaut sie, fast fürsorglich, an. Ein Saxofonist. Wieder Liebchen daneben. Er imitiert die Pose. Ein Mensch, der von einem anderen für immer Abschied nimmt. Diesmal kein Liebchen in der Nähe, nur im Schaukastenglas spiegelt sich ein Gesicht. Artisten. Hochspringer. Alle in ihrem Element Erweckte.

Es dient einer guten Sache. Es ist abscheulich. Was haben die mehr als 34 Millionen Menschen gedacht, die sich Liebchens Erweckungsresultate angesehen haben?
Anfangs dachte ich mir auch, wenn es sachdienlich ist... na gut. Man sieht, was Krankheiten anrichten, wie Gesundheit im Inneren aussieht. Na gut.
Irgendwann sah ich sie: Föten, Babys, zum Teil noch im mit erweckten Mutterleib. Kinder. Es brauchte mehrere Schrecksekunden, diesen garstigen Anblick zu verkraften. Selbst das Zureden, die Menschen hätten der Erweckung zugestimmt, kann mich nicht beruhigen. Ich frage mich, was im Kopf solcher Seelen vorgeht.
2011 dann tritt Liebchen meinem Entsetzen nach und präsentiert im Berliner Ostbahnhof ein erwecktes Paar beim Liebesakt. Mit Liebe hatte diese Szene nichts mehr zu tun. Manches Zwischenmenschliche gehört einfach nur dorthin, wohin es dem Worte nach gehört: zwischen Menschen. Ohne Voyeure. Ohne die subtile Sensationslust.

Liebchen. Erweckt. Es klingt romantisch. Gunther Gerhard Liebchen, besser bekannt unter dem Namen Gunther von Hagens. Die Erweckung nennt man in wissenschaftlichem Vokabular Plastination. Faszination? Darüber streiten sich seit der ersten Ausstellung der „Körperwelten“ Parteien und Kirchen, Befürworter und Gegner. Von der angetasteten Menschenwürde liest man. Von verletzter Totenruhe.
Das Bewusstsein für den eigenen Körper schärfen. Auf gesunde Lebensweise drängen. Zeigen, was in Abkehr vom salusgefälligen Leben passiere. Immerhin sei der Körper „nicht nur ein Geschenk Gottes, sondern auch das Ergebnis von Lebensführung.“ Argumente, mit denen der Plastinator seine Schau rechtfertigt – wenngleich er für Selbstverteidigung keine Gründe, angesichts zahlreicher Anfeindungen wohl aber reichlich Grund sieht. Er wolle „Anatomie demokratisieren“, sagte Hagens dem Magazin Focus. Ich versuche, diesen Inhalt auf eine schlüssige Semantik einzukochen: Anatomie als Bauweise des Körpers soll vom Volke mitbestimmt werden? Wahlfreiheit, das Prinzip der Mehrheit, politische Oppositionen respektieren, Grundrechte und Menschenrechte verfassungsgemäß umsetzen und achten – Basispfeiler der Demokratie. Ochlokraten haben also keinen Zutritt. Die Körperwelten als getarnter Parteitag. Und ich hätte gern die Anatomie einer Gazelle, bestimme ich jetzt mal so mit.

Immerhin habe er die Erlaubnis zur Plastination, einem von ihm selbst entwickelten Verfahren der Konservierung, von den jeweiligen einst Menschen, später Exponaten schriftlich. Ja, ganz bestimmt auch von den unmündigen Kindern, die er zeigt.
Menschen. Da sind die Tiere nicht weit. In einem ertrunkenen Orang-Utan-Weibchen wittert von Hagens ein neues Scheibenplastinat für seine Ausstellung, sei doch Gorilla Arti der Renner schlechthin in seiner Schau in Manchester (Spiegel, 01.08.2008). Hätte er mal besser das Hirn des Menschen, der das Tier trotz Verbots zu füttern versucht und es damit in die tödliche Lage gebracht hat, abgeworben.

Von Hagens wird gern als Dr. Tod durch die Medien gereicht. Dem Wissenschaftler in ihm kann man die Todesneugier nicht verübeln. Hätte nicht irgendwann jemand den Blick in einen menschlichen Körper gewagt, so wären wir in unserer medizinischen Waffenkammer heutzutage vermutlich längst nicht so gut ausgerüstet. Seine Meinung, der Tod sei normal und das Leben die Ausnahme, mutet angesichts dessen, dass wir länger tot als lebendig sind, recht wissenschaftlich an.

Von Hagens aber hört im ethischen Tun auch eine Menge Taler klimpern.
„Mit seiner bahnbrechenden Erfindung der Plastination hat Gunther von Hagens nicht nur das Fach Anatomie, sondern auch die Sichtweise des menschlichen Körpers in unserer heutigen Gesellschaft maßgeblich verändert.“ Ein Werbesprüchlein der besonderen Art. Freilich guckt man sich so schnell keinen toten Körper an. Könnte man aber. Sektionen sind nichts, was hinter verschlossenen Stahltüren stattfindet. Wer ein ehrliches Interesse hegt, wende sich an das Krankenhaus seines Vertrauens. Oder an von Hagens Sekretariat.
Mit Sohn Rurik hat von Hagens eine feine Unternehmensidee lanciert. Seine Plastinarium GmbH bietet im Onlineshop „echte menschliche Lehrpräparate“ an. Real anatomy for teaching, heißt es im reißerischen Werbeenglischalibi. Nicht nur für dazu befugte Institutionen, sondern auch „interessierte Laien gleichermaßen“. Aha. Statt mit Vorabendserie peppen wir demnächst unser Wissen also mit Gefäßgestalten auf. Und hängen uns das Bildchen, das man neben der Lehrmittelanpreisung sieht, an die Wohnzimmerwand: „Smoking is cool“, sagt die Raucherlunge. „Right“, sagt die gesunde Lunge. Hihi, Humor haben die Plastimagier auch noch!

Nun kommt das Imperium nach Dresden. Im Januar. In die Zeitenströmung. Ein Happening der besonderen Art, die in einer Lokalzeitung gleich marktgeil ausgeschlachtet wird. Die Pädagogik, das sanfte Wesen, bekommt natürlich auch noch ein Krümelchen vom konservierten Kuchen ab: „Dabei vermittelt sie [die Ausstellung, Anm.d.V.] Kindern und Jugendlichen nicht nur Wissen, sondern darüber hinaus Respekt vor dem Leben und eine höhere Wertschätzung gegenüber dem eigenen Körper“, schreibt das Lokalblatt und schmeißt gleich sein Kaffeefahrtangebot hinterher: zwei Euro Preisvorteil und Zugang zur Ausstellung über einen gesonderten Eingang – ohne „lange Wartezeiten bei den Einlasszeiten“. So viel Zeitliches wäre in der Zeitenströmung auch unsäglich. Wem es zu lange dauert, der macht derweil noch eine Probefahrt mit einem schicken Oldtimer. Oder schaut mal, ob es im Restaurant wieder Stopfleber gibt. Wer es ganz genau wissen will, kann Herrn von Hagens auch gern eine Notiz ins Gästebuch machen. Vielleicht widmet er sich ja auch irgendwann dem Mensch-Tier-Gefüge und zeigt statt der Raucher-, mal eine vom Menschen zerstörte Tierleber. Vermutlich wäre das aber zu sehr moralapostelisch. Die Raucherlunge muss als plastinierter Zeigefinger genügen.

Also, zaudern Sie nicht! Sichern Sie sich Ihr Ticket für eine Körperweltreise: mit dem exklusiven Vorverkauf vor dem offiziellen Verkaufsstart. Begrenztes Ticketkontingent! Nur solange der Vorrat reicht! Selbstverständlich! Keine Sekunde länger! Vorrat lässt sich nicht plastinieren, und es gleicht einer wissenschaftlichen Sensation, dass Begrenzung auch ein gewisses Maß an Vorrat bedeutet! Ein Werbeknaller mit überraschender Wendung. Herr von Hagens, halten Sie das fest!

 

 

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