WIRTSCHAFT & HANDEL

17.06.2013

Nette Toilette (Foto: Jane Jannke)
Jane Jannke

Geschäftemacherei“?

25 – klingt im ersten Moment gar nicht so wenig. Die Rede ist von der Zahl der öffentlichen Toilettenanlagen in Dresden. Des Menschen natürlichstes Bedürfnis kann recht dringend werden. Wer dann in der Stadt auch noch fremd ist und die kleinen Schleichwege zu menschenfreundlichen Gastwirten nicht kennt, für den kann es bei einem mehrtägigen Aufenthalt ein recht kostspieliges Unterfangen werden.

Von Jane Jannke

Wirtschaftsfaktor Notdurft

Die Zeiten der klassischen Bedürfnisanstalten, wie sie im 19. Jahrhundert fast an jeder Ecke aus dem Boden wuchsen und deren Nutzung damals noch kostenlos war, sind lange vorbei. Explodierende Energie- und Wasserkosten machen die Notdurft zum Wirtschaftsfaktor, bei dem knallhart kalkuliert wird. 50 Cent zahlt man heute für die Benutzung der städtischen WCs. Damit ist die Stadt buchstäblich gut im „Geschäft“, denn in den meisten Restaurants zahlt man deutlich weniger, wer freundlich fragt, oftmals sogar gar nichts. An den Bahnhöfen geht es dann schon mal auf 70 Cent oder gar wie am Hauptbahnhof auf einen Euro rauf. Und weil beim Geld nicht nur die Freundschaft, sondern auch die Kundenfreundlichkeit aufhört, müssen selbst zahlende Kunden der Altmarktgalerie für den Klogang 50 Cent berappen. Vorbeimogeln geht nicht mehr, denn der Versuch endet an jüngst eingebauten Drehkreuzen, die sich nur noch auf Münzeinwurf öffnen. Kunden wie Beate Fabian (51) sind empört und wittern Abzocke. Für viele gehört die kostenlose Toilettennutzung zum Mindesten in Sachen Service.

Die Neustadt – Leben mit dem Gestank

Und so bleiben die Kosten immer öfter an den Gastwirten hängen. Weil sich aber auch hier zunehmend Widerstand regt und Toilettengebühren fällig werden, bekommen die Einwohner die Folgen zu spüren. 50 Cent für einmal pieseln – die spart sich mancher gern und schlägt sich stattdessen in die Büsche. Besonders prekär ist die Lage im Kneipenviertel der Dresdner Neustadt. Während es allein in der Innenstadt 15 öffentliche WCs gibt, gab es hier bislang nur die JCDecaux-Säule am Albertplatz. Weil jedoch irgendwann wieder raus muss, was in über 100 Kneipen oben rein läuft, beschweren sich Anwohner seit Jahren, weil es in Hinterhöfen und Hauseingängen zum Himmel stinkt.

Erst kürzlich eröffnete an der „Bunten Ecke“ Alaun-/Ecke Böhmische Straße ein öffentliches Urinal. Nutzbar ist es allerdings nur für Männer. Kinder, Frauen oder Behinderte schauen in die Röhre. „Eine Toilette im ursprünglichen Sinn wäre ein kostenpflichtiges WC, welches an diesem Standort nicht angenommen werden würde“, spricht Stadt-Sprecherin Anke Hoffmann durchaus Realitäten an. Das Urinal sei mit 25.000 Euro die kostengünstigste Variante und käme der „hauptsächlichen Bedarfsgruppe“ am nächsten. Allerdings, so Hoffmann weiter, wolle man demnächst mit dem Bau einer Toilettenanlage neben der „Scheune“ sowie einer weiteren am Alaunplatz beginnen. 420.000 Euro sind dafür im Doppelhaushalt 2013/14 eingestellt. Folgt man der Stadt, werden diese Toilettenanlagen kostenpflichtig sein, wobei sich hier automatisch die Sinnfrage stellt: Wer zahlt 50 Cent fürs Pullern, wenn direkt nebenan dunkle Ecken locken?

Beim Geld hört die Nettigkeit auf

WC-Anlagen ja, die Kosten für Wartung und Pflege übernehmen will die Stadt allerdings nicht. Stattdessen verweist man auf Pilotprojekte wie die „Nette Toilette“, die seit Herbst 2012 dem Urinpegel in der Neustadt den Kampf ansagen soll. Gastronomen stellen dabei ihre Toiletten kostenfrei zur Verfügung. Eigentlich eine sinnvolle Idee, die sich bundesweit in 120 Städten bewährt hat. In der Neustadt allerdings beteiligen sich bislang erst zwölf Lokale an der Aktion. Allein drei davon gehören Ferenc Weidel (Foto), der sagt: „Ich habe meine Toiletten schon immer jedem kostenfrei zur Verfügung gestellt.“ Sein Nachbar dagegen nehme dafür nach wie vor 50 Cent. „Das ist vor allem eine Einstellungsfrage“, so Weidel.

Im Café Continental am berüchtigten „Bermudadreieck“ zwischen Görlitzer, Rothenburger und Louisenstraße ist der Härtefall für Weidel Alltag. Hunderte Feierwütige rotten sich dort im Sommer jeden Abend zusammen. „Wir weisen dennoch keinen ab, der den Gästen zumutbar ist“, so der Gastronom. 250 Euro fallen im „Conti“ jeden Monat nur für Seife und Papier an, Wasser, Strom und Reinigung kosten extra. „Wenn man will, bekommt man das hin“, sagt Weidel. Die „Nette Toilette“ sei ein Versuch, das zu kompensieren, was die Stadt nicht auf die Reihe kriege. Hoffnung, dass es im Viertel dadurch sauberer wird, hat Weidel aber nicht: „Dafür müssten schon weitaus mehr mitmachen.“ 20 Mitstreiter wollte man allein bis zum Ende des letzten Jahres anwerben, so die Ankündigung von Ortsamtsleiter André Barth im vergangenen Herbst. Doch die Resonanz blieb verhalten. Mittlerweile tritt auch der mit der Projektleitung beauftragte Kultur- und Gewerbeverein Neustadt e. V. auf die Euphoriebremse: Von zehn bis 20 Partnern dauerhaft spricht man heute.

Fehlende Anreize

Die Gründe liegen auf der Hand. Anders als anderswo erhalten die Kneipiers keinerlei finanzielle Anreize von der Stadt. Zwar fließen rund 8000 Euro pro Jahr für die „Nette Toilette“, doch die Kneiper sehen davon keinen Cent. Die Förderung, bestehend aus einem Festbetrag und einer Aufwandsentschädigung pro Objekt, geht vollumfänglich an den Gewerbeverein. „Die Stadt suchte einen Partner für das Projekt“, erklärt Vereinssprecher Torsten Wiesener. „Wir reden mit den Gastronomen und finanzieren von der städtischen Förderung die Werbung für das Projekt.“ Dazu gehören z.B. die Aufkleber an den Türen, aber auch Plakate und 20.000 Flyer für Busse, Bahnen und Hotels, die in Kürze in Druck gehen sollen. „Es geht nicht ums Geld“, betont Wiesener. „Wir wollen die Leute ja gerade dafür gewinnen, von der eigenen Vorteilsnahme abzusehen, weil Toilettengebühren langfristig Nachteile für das gesamte Viertel erzeugen.“ Die beteiligten Kneiper profitierten im Gegenzug von anderweitigen Werbeleistungen des Vereins und vom auf Dauer positiveren Ruf der Neustadt.

Darüber kann Ferenc Weidel nur müde lächeln. „Ich profitiere bislang von keinem Werbeeffekt, zumal ich auch noch 120 Euro Beitrag im Jahr an den Verein zahle. Der steckt sich die Fördermittel ein, und wir schauen in die Röhre“, so der Wirt verärgert. Bekämen die Gastronomen hingegen direkt einen Ausgleich, würden sicherlich auch mehr mitmachen.
Und genau so war es ursprünglich auch mal angedacht. Per Stadtratsbeschluss wurde die Stadt im November 2011 aufgefordert, „...mit den Gastronomen der Äußeren Neustadt über die Nutzung ihrer Toiletten auch für Nichtgäste Verhandlungen aufzunehmen.“ 40 bis 80 Euro sollten diese pro Monat erhalten, um die zusätzlichen Kosten decken zu können. Doch die fließen jetzt in die Finanzierung von Aufgaben, die eigentlich die Stadt selbst hätte übernehmen sollen. Von der Stadt gab es dazu auf Anfrage keinen Kommentar. Gerade kleine Kneipen seien aber oft auf jeden Cent angewiesen und könnten sich zusätzliche Toilettenkosten schlicht nicht leisten, weiß Ferenc Weidel. Und so bleibt das Projekt „Nette Toilette“ in der Neustadt vorerst ein Sturm im Wasserglas. Für die Bewohner heißt es daher bis auf Weiteres: Häuser und Höfe verrammeln, um Innenhöfe vor Wildpinklern zu schützen.

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