WIRTSCHAFT & HANDEL

10.10.2013

Schöpfer ohne Raum Foto: pixabay
pixabay

Kein Raum für die Schöpfung

Kultur- und Kreativwirtschaft. Ein Begriff, der im Kopf eines Menschen, der sein Brot mit Fantasie verdient, noch gewöhnungsbedürftig klingt. In Bezug auf die ökonomische Rolle aber trifft der Branchenname ins Schwarze. Trotzdem haben die Akteure wenig Raum zur Entfaltung. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Von Frances Heinrich

„Nennen wir es nicht Problem, nennen wir es Sachverhalt.“ „Das ist keine Kommune dahergelaufener Hippies.“ Die Formulierungen von Martin Fiedler klingen wenig einladend. Und doch hat der Branchenverband für die Kultur- und Kreativwirtschaft „Wir gestalten Dresden“ Anfang Oktober zu einem Plenum des Ja-Sagens geladen. Jammern gilt nicht. Aktiv anpacken, lautet das Motto. Dass es klappen kann, zeigen Beispielprojekte. Beispiele, die im Zuge der Veranstaltung leider überwiegend aus anderen Städten kommen. Bremen, Görlitz und Leipzig. Ein Dresdner Kreativprojekt ist dabei: Das Proberaumsharingmodell von Volume 11.

Was verbirgt sich denn nun eigentlich hinter „Kultur- und Kreativwirtschaft“? Elf Teilbereiche: Musik, Buchmarkt, (bildende) Kunst, Film, Rundfunk, darstellende Kunst, Architektur, Design, Presse, der Werbebereich sowie die Software- und Gamesindustrie. Menschen, die in diesen Branchen nicht das Glück einer Festanstellung genießen oder genießen wollen, arbeiten freischaffend. Unter oftmals schwierigen Bedingungen.

Die Räume sind Dresdens Defizit. Es mangelt zwar nicht an Immobilien, doch hier sitzen oft Privatinvestoren oder die Stadtverwaltung selbst am Hebel. In Bremen haben sich Kreative und Politiker zusammengefunden: In sogenannten Lenkungsgruppen begegnen sie einander. Leicht ist es deshalb noch lange nicht, schränkt Sarah Oßwald von der ZwischenZeitZentrale ein. Aber immerhin greift man in Bremen schon nach einem Lenkrad, während in Dresden die Mühlen noch langsam zu mahlen scheinen.„Vielen ist die Bedeutung der Branche gar nicht geläufig“, weiß Christian Rost, Geograf und Stadtentwickler Leipzig. Dabei sind kreative Köpfe genauso unternehmerisch tätig: Die meisten haben eine Steuernummer oder einen Gewerbeschein, sie arbeiten im öffentlichen oder privaten Sektor und sind auch Arbeitgeber. Ein schwer greifbarer Unterschied besteht darin, dass sie eben keinen finanziell exakt berechenbaren Wert schaffen. Ein Nagel kostet im Einkauf einen Euro, im Verkauf eben zwei. Der Gewinn für den Unternehmer ist eindeutig zu bilanzieren.

Aber was kostet eine Idee? Ein Bild? Eine Melodie?

Dabei sind Kultur und Kreativität von hoher volkswirtschaftlicher Relevanz, belegt Rost in seinem Impulsvortrag „Die kreative Stadt – Herausforderungen und Potenziale kultur- und kreativwirtschaftlicher Immobiliennutzung“. 10.700 Erwerbstätige sind in Dresden in dieser Branche angesiedelt, 630 Millionen Euro Umsatz erwirtschaften sie (bundesweit: 143 Milliarden). Im Vergleich zu anderen gehen die Kreativen aus Wirtschaftskrisen stabil hervor, und in der Branche entstehen die meisten Arbeitsplätze.
Aber: 98 Prozent der kreativen Erwerbstätigen sind Klein-, acht Prozent davon sogar Kleinstunternehmer. Viele werkeln im heimischen Büro, mieten sich in Bürogemeinschaften oder nisten sich in heruntergekommene Proberäume ein. 90 Prozent der Kreativen sind aus der Förderung investiver Maßnahmen einfach mal ausgeschlossen, weil sie als Einzelne die Kriterien schlichtweg nicht stemmen können. Dabei sprechen eine Menge Vorzüge für das Vertrauen in Dresdens schöpferische Geister: Sie arbeiten projektorientiert, sind hochqualifiziert und szeneorientiert. Ein Grafiker feilt bis ins kleinste Detail, das ist seine Berufsehre, auch wenn unter der Rechnung nicht jede Überstunde abgegolten wird. Die Kreativwirtschaft gilt laut Studien von Prognos und DBR als innovativer als andere Wirtschaftszweige, man arbeitet interdisziplinär, spezialisiert und in Nischen mit Zukunftspotenzial.

Und was braucht es nun dafür? Bewegliche Räume. Wer als Kreativist an einem Projekt arbeitet, holt sich für jeden Auftrag Spezialisten dazu.

Das Team wechselt, menschliche Konstellationen sind in der freien Kreativszenerie dynamische Zentren.

Utopische Mieten oder komplizierte Verträge, an Personen oder Fristen geklebt, bremsen diese Dynamik aus. Auch die Raumarchitektur muss auf die Bedürfnisse ihrer schöpferischen Bewohner anpassbar sein: Der eine benötigt eine Werkstatt, in der vor allem Arbeitsgeräte Platz finden müssen, ein Maler ist auf helles Tageslicht angewiesen, eine Tänzerin braucht einen Schwingboden, um sich nicht zu verletzen. „Experimentierflächen, gestaltbare Räume“, nennt es Christian Rost. Eine gute Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln und auch die Nähe zum Zentrum wären ebenfalls nicht schlecht, gehören aber eher schon zu den luxuriöseren Anforderungen.

Manch einer fragt sich nun, was genau Dresden von seinen Kreativlingen hat. Ganz einfach: Von ihnen gehen starke Impulse für die Stadt aus. Die Kreativwirtschaft schöpft Werte – im materiellen wie immateriellen Sinne. Als Unternehmer zahlen auch die Geistesarbeiter Steuern. Nicht zuletzt haben die Kreativen zudem wesentlichen Anteil an Image und Außenwirkung Dresdens.
Für einzelne Stadtteile bedeutet die Ansiedlung kreativer Köpfe Aufmerksamkeitsgewinn, insbesondere für die weniger „hippen“ Himmelsrichtungen.
Auch Immobilienbesitzer sollten das Potenzial der besonderen Ansprüche von Kreativunternehmern erkennen, tun sich damit doch neue Verwertungspotenziale auf: Häuser, die sonst mehrere Jahre leerstehen würden, werden erhalten oder sogar wieder instand gesetzt. Nutzungen im Rahmen des kreativen Arbeitens sind zudem langfristig möglich, und die Nachfrage steigt durch neue Nutzergruppen.

Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist „kwietschfidel“. Aber: „Kwo vadis“?, fragt Martin Fiedler am Ende des Referentenreigens in - natürlich - kreativer Rechtschreibung. Antwortet jemand?

Zurück