WIRTSCHAFT & HANDEL

26.08.2013

Uta Schirmer

Mit Nadel und Faden

Einzelstücke herzustellen ist „in“. Eben solche zu besitzen mindestens genauso. Besonders beliebt sind Unikate, die mit Nadel und Faden geschaffen wurden. Ob genäht, gestrickt oder gehäkelt, ob Tasche, Schal oder T-Shirt – der Kreativität sind da keinerlei Grenzen gesetzt. Portale wie DaWanda bieten Produzenten und Konsumenten gleichermaßen eine Plattform für den Verkauf und Erwerb handgemachter Unikate. Auch in Dresden und Umgebung gibt es viele Frauen, die diesen Trend erkannt haben und hauptberuflich oder in ihrer Freizeit an der Nähmaschine oder den Wollknäueln sitzen.

Von Uta Schirmer

Nadelwelten - Kati Kohlstrunk (Foto: Uta Schirmer)
Uta Schirmer

Kati Kohlstrunk ist eigentlich Privatkundenberaterin bei der Sparkasse Meißen und die meiste Zeit im Außendienst unterwegs. Mit Freund, Sohn und Hund lebt die 35-Jährige in Weinböhla. Anfang 2012 stieß sie auf das Internetportal DaWanda, wo sie sich ein Tuch bestellte. Als sie es zu Hause auspackte, kam ihr die Erkenntnis: „Das kann ich auch!“ Nach diesem „Schlüsselerlebnis“, wie Kati selbst sagt, erstand sie auf dem Flohmarkt ihre erste Nähmaschine, für gerade einmal 15 Euro. „Ich habe dann erst mal aus alten Klamotten irgendwas zusammengeschustert“, erzählt sie – mit Schnittmustern und Anleitungen aus dem Internet, getreu dem Motto „learning by doing“.

Die Nähmaschine gab bald ihren Geist auf. „Während mein Papa versuchte, das Gerät zu reparieren, hatte ich mir heimlich die Veritas meiner Uroma unter den Nagel gerissen und war total begeistert“, erzählt Kati. Doch Uroma wollte ihre Nähmaschine wieder haben. „Nach langem Suchen fand ich in Radebeul endlich eine Veritas für gerade einmal 10 Euro, habe sie für 50 Euro generalüberholen lassen und hatte somit eine unverwüstliche Begleiterin“, sagt Kati stolz. „Elfriede“ heißt das gute Stück und steht neben dem Bett der gebürtigen Meißnerin. Manchmal, so erzählt sie, steht sie morgens um 5 Uhr auf, fängt an zu nähen oder Stoff zuzuschneiden. Mit Genehmigung ihres Arbeitgebers hat Kati inzwischen ein Gewerbe angemeldet. Unter ihrem Label „Nadelwelten“ häkelt und näht sie Schals, Mützen, Handschuhe und Stulpen, Taschen, Loopschals, Tücher, Plüschtiere und Haarbänder, stellt aus Knetmasse Knöpfe her oder entwirft Stoffblumen – immer nach dem Prinzip „selbst erdacht – gleich gemacht“. Der Prototyp für einen Universal-Taschenbucheinschlag wurde ihr auf ihrem ersten Flohmarktverkauf förmlich aus der Hand gerissen. „Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben“, ist ihr Motto. Und so hat sie jetzt auch eine Leder-Nähmaschine.

Ihre liebevoll gestalteten Unikate als unterschiedlichsten Materialien vertreibt sie in erster Linie über Facebook, im Laden einer Freundin in Meißen und bei fem2glam in Dresden. Familie und Freunde sind ebenfalls dankbare Abnehmer. Und Kati hat schon neue Aufträge für weitere Läden und Online-Shops angenommen. Dass sie ihre Werke so gut verkauft, macht sie stolz. „Ich freue mich, dass immer mehr Menschen bereit sind, für hochwertige Unikate auch einen angemessenen Preis zu bezahlen. Die Rückkehr zu einem gesunden Individualismus.“

Needle Art by Fräulein Zuckerschnute - Sabrina Stahl (Foto: Uta Schirmer)
Uta Schirmer

Davon profitiert auch Sabrina Stahl. Die ausgebildete Kosmetikerin und ehemalige Tänzerin ist ebenfalls Näh-Quereinsteigerin. Mit Freund und Tochter lebt die 24-Jährige in Dresden-Gorbitz, erwartet im September ihr zweites Kind. Mit ihren anderthalb Jahren hat es Töchterchen Emma Jolie schon zur Juniorchefin und Qualitätsmanagerin im Jungunternehmen „Needle Art by Fräulein Zuckerschnute“ (https://www.facebook.com/NeedleArtZuckerschnute?fref=ts) geschafft. „Damit die Produkte den nicht immer so sachten Kinderhändchen standhalten, testet sie alles auf ihre Praxistauglichkeit, ehe ich eine größere Anzahl davon anfertige“, sagt die stolze Mama. „Sie war es schließlich, die mich auf die wundervolle Idee gebracht hat zu nähen. Ich wollte Emma ein Einzelstück nähen. Etwas besonderes, etwas einzigartiges, etwas, das niemand außer ihr hat. Eben etwas Wundervolles zum ersten Geburtstag.“ Bei Karstadt besorgte sie den passenden Stoff, mit ihrem Freund entwarf sie ein Schnittmuster, genäht wurde auf einer geliehenen Nähmaschine. Dabei heraus kam „Myla“, eine pinkfarben-grüne, mausähnliche Kuscheltierdame, die außergewöhnlicher nicht sein konnte. Man sah ihr deutlich an, dass sie von einer jungen Mama mit viel Herz und Liebe angefertigt wurde, „etwas, das ein verzauberndes Glitzern in den Augen meiner Tochter hervorrufen sollte und sie für immer an ihren ersten Geburtstag erinnern wird“, sagt Sabrina.

Das war Anfang 2013. Danach ging alles ganz schnell: Aus den Stoffresten für „Myla“ entstand ein Utensilo, den Sabrina fotografierte und auf Facebook ihren Freunden zeigte. „Das war der Startschuss“, erzählt die junge Mutter, „aus dem Utensilo wurde ein Loopschal, aus dem Loop eine Mütze“. Inzwischen hat sie ein Gewerbe angemeldet, genäht wird zu Hause im Wohnzimmer. „Meine Uroma scheint mir eine große Portion Talent an der Nähmaschine mitgegeben zu haben, ebenso wie eine ausreichende Brise Kreativität“, sagt Sabrina stolz. Ihr Ziel: Allen Mamis und Papis mit zuckersüßen Zuckerschnuten – aber nicht nur denen – den oft so grauen Alltag versüßen. Und so näht sie aus wunderhübschen Stoffen farbenfrohe Pumphosen, Mützen, Tücher, Haar- und Stirnbänder, Kuschel- und Spucktücher, Schlafsäcke, Patchwork-Decken sowie Wickelunterlagen mit integrierten Fächern für Creme und Windeln für die ganz Kleinen. Handtaschen, Utensilos, Accessoire-Täschchen und Bandeau-Tops gehören ebenfalls zum Repertoire. Besonders stolz ist Sabrina auf ihre „Snouts“ – sternförmige Maskottchen, die sie selbst entworfen hat – und auf die Sterne für Eltern und Angehörige von Sternenkindern.

Als frische Quereinsteigerin im Geschäft mit selbstgenähten Unikaten hat sich Sabrina mittlerweile bestens eingerichtet. „Stoffe zu bestellen ist schon zur Sucht geworden“, schmunzelt sie, „der Blick auf mein Stoffregal macht mich glücklich. Da spare ich lieber an Klamotten für mich.“ Zu Hause zu arbeiten lässt ihr zudem Zeit für Emma und das bald kommende Geschwisterchen. Ein Junge soll es werden, sagt der Arzt. Und deshalb hat die werdende Mama schon vier süße Babyhosen in verschiedenen „Jungsfarben“ genäht. „Meine Arbeit macht mir Spaß“, sagt sie voller Überzeugung.

Auch Sabrinas Werke findet man beim fem2glem auf der Prager Straße. „Sabrina und Kati fertigen all Ihre kleinen Schmuckstücke in liebevoller Handarbeit und genau das honorieren meine Kunden. Selbstgenähtes hat einfach einen qualitativ höheren Standard als Massenware und ist immer etwas Besonderes für mich“, sagt die Einzelhändlerin mit Sinn fürs Exklusive.

Textile Unikate by Heike Jockusch (Foto: Uta Schirmer)
Uta Schirmer

Nähen als Leidenschaft – das gilt auch für Heike Jockusch. Die 43-Jährige hat schon zu DDR-Zeiten den Beruf des Textilfacharbeiters gelernt und damals in einer Freitaler Fabrik Kinder- und Damenbekleidung sowie Ausstattung für die Armee genäht. Nach der Wende zog sie aus Freital weg, machte eine Umschulung zur Industriekauffrau, kam nach der Trennung von ihrem Mann zurück in ihre Heimatstadt – und wurde bald arbeitslos. Sie verdiente ihr Geld dann als Änderungsschneiderin in Dresden und Freital, bevor sie sich 2011 selbstständig machte. Anfangs nähte sie zu Hause, im Dezember 2011 eröffnete sie ihren ersten eigenen Laden an der Dresdner Straße in Freital. Im Hinterzimmer stehen die Näh- und Stickmaschinen, sechs an der Zahl. Daran stellt sie ihre „Textilen Unikate by Heike“ (https://www.facebook.com/pages/Textile-Unikate-by-heike/214275848715167?fref=ts) her. „Was in meinem Kopf ist, wird genäht“, sagt die Mutter einer erwachsenen Tochter. Handtaschen, Ordnerhüllen, Kochschürzen, Tischdecken, T-Shirts und Kleider für Kinder, Zuckertüten – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Die Stücke entstehen aus Fleece, Baumwolle, Jersey und mit wachsender Begeisterung aus alten Jeans. Stoffreste gibt es kaum bei Heike Jockusch. „Die vernähe ich zu Kissenhüllen oder kleinen Dekoartikeln, auch schon mal abends vorm Fernseher. Nähen ist für mich Genuss, Entspannung, Lebenselixier.“

Am liebsten würde sich die Einzelkämpferin ganz auf ihre Unikate konzentrieren. Doch noch ist sie darauf angewiesen, Änderungsarbeiten und Reparaturen anzunehmen, um das Geschäft am Laufen zu halten. Profis wie sie haben es jedoch Quereinsteigern gegenüber schwerer, gerade beim Verkauf ihrer Stücke auf DaWanda. Warum das so ist, weiß Heike nicht. Sie lässt sich aber nicht unterkriegen und sagt: „Ich will langsam wachsen.“

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